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31.12.2011 - „Kreditklemme ist für uns ein Fremdwort“

LEUTKIRCH - Für den Euro ist 2012 das Schicksalsjahr. Skeptiker befürchten, dass die Schuldenkrise bald auch auf die Unternehmen durchschlägt. Volksbank-Vorstand Josef Hodrus aus Isny und Sparkassen- Chef Heinz Pumpmeier aus Ravensburg warnen im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung vor Panikmache. Oberschwaben und die Bodenseeregion würden auch im kommenden Jahr ganz vorne mitspielen: „Die Lage der Unternehmen in der Region ist sehr gut.“ Das Interview führten Thomas Hagenbucher und Steffen Range.

SZ: Es gibt Gerüchte, dass einige Länder heimlich Notenpressen angeschafft haben, um Geldscheine zu drucken. Bereiten Sie sich zum Jahreswechsel auf die Wiedereinführung der D-Mark vor?
Josef Hodrus: Der Euro wird zum Jahreswechsel seinen zehnten Geburtstag feiern und er wird den zehnten Geburtstag überleben. Heinz Pumpmeier: Das Szenario einer Rückkehr zur D-Mark ist unrealistisch. Streng genommen haben wir keine Eurokrise. Wir haben vielmehr gewaltige Probleme mit der Staatsverschuldung, als Folge der Bankenkrise 2008.

SZ: Ist die Sorge um den Euro also übertrieben?
Hodrus: Der Euro ist ohne Zweifel ein Sanierungsfall. Wenn heute bei der Sparkasse oder Volksbank ein Unternehmen in die Sanierungsabteilung kommt, dann versuchen wir, gemeinsam ein Sanierungskonzept auszuarbeiten. Und der Kunde muss sich dann an die Spielregeln halten. Sonst ist die Sanierung gescheitert. Und diese strengen Regeln vermisse ich in der Politik bei der Rettung maroder Staaten. Pumpmeier: Ein Problem für die Politiker ist der vielstimmige Chor. Hören Sie sich die entgegengesetzten Meinungen der Wissenschaftler und Berater doch an. Worauf soll sich die Politik denn gerade verlassen?

SZ: Bedauern Sie Angela Merkel?
Hodrus: Frau Merkel bewältigt eine große Aufgabe. Kein Kanzler hatte vergleichbare Stresssituationen auszuhalten wie Merkel in den letzten beiden Jahren. Und sie hat auch recht, wenn sie betont, dass es keine einfache und schnelle Lösung zur Rettung des Euro gibt. Pumpmeier: Wir werden noch eine ganze Zeit lang mit Unsicherheiten leben müssen. Das kommende Jahr wird noch viele Krisengipfel bringen, an den Märkten wird es heftige Ausschläge geben und die Rating- Agenturen werden das eine oder andere Land herabstufen.

SZ: Wir sollen uns also locker machen und nicht so viel auf die Hiobsbotschaften geben?
Hodrus: Wir sollten zumindest nicht alles schlechtreden. Der Euro hat eine Chance. Aber auf Dauer kann die Sanierung nur klappen, wenn wir klare Spielregeln aufstellen und einen strikten Sparkurs einschlagen. Pumpmeier: Die Stabilisierung der Staatshaushalte funktioniert auf lange Sicht nur mit einem Eingriff in die nationalen Haushaltsrechte und die Steuerhoheit der Länder. Klar ist das eine Herkulesaufgabe.

SZ: Im Moment misstrauen viele Banken einander und leihen sich kein Geld. Kann das zu einer Kreditklemme führen?
Hodrus: Kreditklemme ist für unsere Kunden ein Fremdwort. Ich möchte nicht über Großbanken reden, die Staatshilfen bekommen haben, sondern ich spreche für die Volksbanken, Raiffeisenbanken und Sparkassen vor Ort.

SZ: Die Kreditklemme gibt es also bei Großbanken?
Hodrus: Ja. Dort wird es erdrutschartige Veränderungen in ihren Geschäftsmodellen geben. Auf Unternehmen, die von einer dieser Großbanken abhängen, könnten Probleme zukommen.

SZ: Wie reagieren die Sparer in der Region auf die Schuldenkrise? Gibt es ein großes Interesse an Geldanlagen in anderen Währungen wie Schweizer Franken oder norwegischen Kronen?
Pumpmeier: Es gibt keinen Ansturm auf Fremdwährungen.

SZ: Was empfehlen Sie Anlegern?
Hodrus: Ich kann jedem Kunden einen Rat geben: Wer streut, rutscht nicht aus. Die Weisheit hat zwar einen langen Bart, aber dazu stehe ich. Ich kann jedem nur dazu raten, sein Vermögen in verschiedenen Anlageklassen anzulegen.

SZ: Haben sich die Wünsche der Kunden verändert?
Pumpmeier: Das Interesse am Bausparen ist extrem gestiegen. Und es gibt gewisse Umschichtungen. Weg beispielsweise von langfristigen Riester-Verträgen, hin zu Bausparverträgen. Hodrus: Das merken wir auch. Wir hatten ein so gutes Immobilienjahr wie noch nie und der Markt ist noch lange nicht gesättigt. Natürlich nicht allein wegen der Krise, sondern auch weil die Leute heute mehr Quadratmeter Wohnfläche in Anspruch nehmen als vor zehn oder 20 Jahren.

SZ: Das klingt so, als blieben die Kunden in Oberschwaben trotz Schuldenkrise gelassen…
Hodrus: …in welchem Privathaushalt ist die Krise denn schon angekommen? Sie ist weit weg. Pumpmeier: Wir haben eine stabile konjunkturelle Lage. Jedenfalls in diesem Jahr. 2011 werden wir zum Beispiel in Deutschland das Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2008 überschreiten. Nichts deutet auf eine Rezession hin; es gibt Anzeichen für eine Abschwächung des Wachstums, aber das ist ganz normal nach einer Boomphase.

SZ: Wie wird das kommende Jahr?
Pumpmeier: Es wird kein großartiges Wachstum geben, aber auch nicht bergab gehen. Die Lage der Unternehmen in der Region ist sehr gut. Unsere Bilanzauswertungen zeigen, dass die Eigenkapitalstrukturen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert wurden. Hodrus: Die meisten unserer Kunden sind Mittelständler. Sie sind gut vorbereitet auf die kleine Wachstumsdelle, die wir im zweiten Quartal 2012 erwarten… Pumpmeier: …und in unserer Region dominiert der Dienstleistungssektor. 62 Prozent aller Beschäftigten im Landkreis Ravensburg sind im Dienstleistungssektor tätig. In Biberach sind es nur 42 und im Bodenseekreis 51 Prozent. Zudem arbeiten 16 Prozent aller Beschäftigten bei uns im Gesundheitswesen, das ist viel mehr als im Landesschnitt, der bei neun Prozent liegt. Auch die Landwirtschaft – insbesondere die Milchwirtschaft – stabilisiert unsere Konjunktur, und das wird oft vergessen. Wir haben 2500 landwirtschaftliche Betriebe. Kein Landkreis in ganz Baden- Württemberg hat mehr Bauern.

SZ: Warum hilft das der Region?
Pumpmeier: Dienstleister, die Landwirtschaft und besonders das Gesundheitswesen sind relativ unempfindlich gegenüber der Staatsschuldenkrise und auch nicht so abhängig von der Auslandsnachfrage. Davon sind Industrieunternehmen eher betroffen. Deshalb glaube ich, dass der Landkreis Ravensburg recht gut durchs nächste Jahr kommt.

SZ: Während der Bankenkrise hat der Staat durch entschlossenes Handeln einen Absturz der Wirtschaft verhindert. Aber auch viele neue Gesetze eingeführt. Fühlen Sie sich gegängelt?
Hodrus (lacht): Darüber könnten wir drei Stunden lang reden! Pumpmeier: Ich habe Verständnis, dass der Gesetzgeber eingreifen musste. Aber ich erwarte auch Augenmaß. Volksbanken und Sparkassen sind keine global agierenden Geschäftsbanken, die auf Profit getrimmt sind. Wir sind lokal orientiert und handeln nach dem Prinzip: Geschäfte machen, die wir verstehen mit Kunden, die wir kennen.

SZ: Was ärgert Sie besonders?
Hodrus: Wir ersticken in Bürokratie, etwa wenn es um Anlegerschutz geht. Bankmitarbeiter hatten noch nie so viel Angst wie heute, einen Kunden falsch zu beraten. Und wehe, man hat nach einem Beratungsgespräch ein Protokoll nicht erstellt. Da steht direkt [Verbraucherschutzministerin] Ilse Aigner hinter ihnen.

SZ: Verzettelt sich der Staat?
Pumpmeier: Der Gesetzgeber setzt den Hebel teilweise an der falschen Stelle an.


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