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13.04.2016 - "Digitalisierung braucht den Menschen"

Genossenschaftsbanker Franz Schmid über den digitalen Umbruch und die Zukunft des Datenschutzes

RAVENSBURG - Die Bankenlandschaft ist im Umbruch. Viele Kunden erledigen ihre Geldgeschäfte mittlerweile per Mobiltelefon oder am Computer, in kleinen Orten stehen Filialen vor der Schließung. Gleichzeitig drängen Direktbanken und US-Finanzfirmen wie Paypal in einen Markt, der bisher fest in Händen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken ist. Mit dem Online-Bezahldienst Paydirekt wollen die deutschen Geldhäuser dem übermächtigen Anbieter Paypal jetzt zu Leibe rücken. Steffen Range sprach mit Franz Schmid, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Volks- und Raiffeisenbanken im Bezirk Ravensburg, Bodensee und Sigmaringen, über die digitale Zukunft der Banken.

Kürzlich kam eine Studie heraus, nach der viele Mitarbeiter regionaler Banken den digitalen Umbruch als Bedrohung empfinden. Wie sehen Sie das?
Die Digitalisierung bietet riesige Chancen. Sicherlich muss sich die Bankenbranche dem Vorwurf stellen, spät reagiert zu haben. Andererseits machen es sich die Kritiker auch zu leicht.

Was meinen Sie damit?
Es reicht nicht, eine hübsch aussehende App zu programmieren, darüber wird der Wettbewerb nicht gewonnen. Die Programme und Produkte müssen sich in die Computersysteme und in unsere Händlerwelt einfügen. Die Art, wie wir bisher gearbeitet haben, wird gewissermaßen von Grund auf verändert. Wir müssen etwa auch eine neue Balance zwischen Filialgeschäft und Onlinebanking finden. Das geht nicht von heute auf morgen.

Durch ihr Zögern haben die Banken anderen Anbietern wie Paypal oder auch Herstellern von Finanzprogrammen viel Raum gelassen ...
Wir müssen davon wegkommen, diese Unternehmen nur als Konkurrenten zu betrachten. Ich denke, in der Kooperation liegt eine große Chance für die Bankbranche, wovon beide profitieren.

Paypal hat verstanden, was sich die Kunden im digitalen Zeitalter wünschen, während die Banken nichts unternommen haben ...
Das ist so nicht richtig. Die ersten Computer standen in Banken. Banken kommunizieren untereinander seit 20 Jahren elektronisch. Was die internen Abläufe angeht, sind die Banken seit Jahren stark unterwegs. Jetzt müssen wir den Kunden beweisen, was wir in der digitalen Welt zu bieten haben. Und da sind die Genossenschaftsbanken auf einem guten Weg.

Warum wirken viele Finanz-Startups so agil im Vergleich zu den traditionellen Banken?
Bestimmte Vorschriften beispielsweise zum Datenschutz, die in unserer Branche gang und gäbe sind, interessieren diese Firmen nicht so sehr. Bei unserem neuen System Paydirekt unterliegen die Daten dem Bankgeheimnis. Wir verkaufen keine Bankdaten. Wir haben seit 150 Jahren Erfahrung mit dem Datenschutz.

Ist Datenschutz im Internetzeitalter nicht ein Relikt aus vergangenen Tagen?
Die Regulierung gleicht derzeit in der Tat einem Flickenteppich. Zwischen Europa und den USA klafft eine Lücke. Die Datenschutzgrundverordnung muss zum Beispiel dringend auch Eingang in das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zwischen Europa und den USA finden.

Sie haben eben gesagt, Sie sehen mehr Chancen als Risiken in der Digitalisierung. Sind die Sorgen vieler Ihrer Mitarbeiter in den Filialen unbegründet?
Digitalisierung braucht den Menschen. Mit einem Algorithmus wird man menschliche Fähigkeiten niemals ersetzen können. Wir bekommen ohne Ende unverdautes Wissen, aber kein Orientierungswissen. Auf die Bank bezogen bedeutet das: Für bestimmte Situationen werden wir immer Berater brauchen. Eine Baufinanzierung können Sie nicht über eine Rechenformel machen. Am Schluss reduziert sich der Sinn des Lebens doch immer auf soziale Beziehungen – was den Menschen so wichtig macht.

Franz Schmid (Foto: OH) ist Vorsitzender der Bezirksver-einigung (BZV) der Volks- und Raiffeisenbanken im Bezirk Ra-vensburg-Bodensee-Sigmaringen und Vorstand der Volksbank Altshausen. In der BZV arbeiten die 14 selbstständigen Volks-und Raiffeisenbanken im Bezirk Ravensburg-Bodensee-Sigmarin-gen zusammen. Im vergangenen Geschäftsjahr steigerte die BZV ihre Bilanzsumme um 4,5 Pro-zent auf 5,9 Milliarden Euro. (sz)


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