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22.01.2015 - Schweizer Notenbank lässt Franken frei

SNB stürzt Märkte in Turbulenzen

Von dpa und Andreas Knoch

ZÜRICH/FRANKFURT - Die Schweiz hat völlig überraschend die Kopplung ihres Franken an den Euro aufgehoben und damit Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst. Seit mehr als drei Jahren galt ein Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro, der die heimische Währung künstlich billig machen sollte, um Schweizer Exporteuren zu helfen. Mit der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom Donnerstag brach der Aktienmarkt in Zürich um bis zu 14 Prozent ein. Der Franken wurde massiv teurer gehandelt. Die Börsen gingen auch außerhalb der Schweiz auf Achterbahnfahrt. Der Goldpreis legte kräftig zu. Analysten fanden drastische Worte, sie sprachen von einem "Schocker", gar von einer "Kapitulation" der Notenbank. Auch deren Glaubwürdigkeit wurde infrage gestellt.

Kapitulation vor den Marktkräften
Die Schweizer Wirtschaft verliert mit der Aufgabe des Mindestkurses ihren Schutzschirm: Eingeführt hatte die SNB den Mindestkurs in der heißen Phase der Euroschuldenkrise. Damals hatten viele Anleger aus dem krisengeschüttelten Währungsraum ihr Geld in der als sicher geltenden Schweiz angelegt. Die darauf folgende deutliche Aufwertung des Franken belastete die exportorientierte Wirtschaft im Land. 

SNB-Chef Thomas Jordan rechtfertigte die überraschende Aufgabe des Franken-Mindestkurses. Ein Festhalten an dem Kursziel hätte auf lange Sicht keinen Sinn ergeben. "Der Ausstieg musste überraschend erfolgen", erklärte er. Die SNB begründete die Maßnahme auch mit der Abschwächung des Euro gegenüber dem US-Dollar. Gleichzeitig habe der Franken zum US-Dollar abgewertet. Deswegen sei man zu dem Schluss gekommen, dass die Durchsetzung und Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses "nicht mehr gerechtfertigt sei", hieß es. 

Hintergrund ist den Angaben zufolge auch die unterschiedliche Entwicklung der Geldpolitik in den bedeutenden Währungsräumen, hieß es. Während in den USA die erste Zinserhöhung seit der Finanzkrise ansteht, dürfte die Europäische Zentralbank am 22. Januar mit breit angelegten Anleihekäufen eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik beschließen. Das kann den Euro schwächen. Die SNB müsste dann noch mehr Euros kaufen, um den Franken zu verteidigen. 

"Entgegen der Presseerklärung der SNB wird wohl der wahre Grund der gestern geöffnete Weg für die Staatsanleihekäufe durch die EZB sein. Mario Draghis Kaufprogramm hat neben Liquiditätsschaffung auch die Wirkung einer weiteren Abschwächurg des Euro zu anderen Währungen – wie zum Beispiel gegenüber dem Schweizer Franken – zur Folge. Die SNB wollte sich nach unserer Einschätzung dem nicht stellen und hat den Märkten freien Lauf gegeben", kommentierte Franz Schmid, Vorstandsvorsitzender der Bezirksvereinigung der VR-Banken in der Region Ravensburg-Bodensee- Sigmaringen, die Vorgänge in Zürich. 

Gewinner und Verlierer
"Die Entscheidung ist für die Finanzmärkte vollkommen überraschend gekommen", sagte Ulrich Wortberg, Devisenexperte bei der Landesbank Hessen- Thüringen. In den vergangenen Wochen hatte der Euro-Franken-Kurs an der Grenze von 1,20 Franken förmlich geklebt. Noch vor wenigen Tagen hatte die SNB die vehemente Verteidigung der Untergrenze betont. "Durch die Entscheidung gefährdet die Notenbank ihre Glaubwürdigkeit, da sie sich immer zu dem Mindestkurs bekannt hatte", sagte Wortberg. 

Die Ausfuhren der Schweiz dürften unter der Entscheidung stark leiden. Nach Einschätzung der Großbank UBS könnten die negativen Folgen für die Exportwirtschaft rund 5 Milliarden Franken oder 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Produkte aus der Schweiz und Urlaub dort werden beispielsweise für Deutsche teurer. 

Hart getroffen werden auch Kreditnehmer, die Darlehen in Schweizer Franken aufgenommen haben. Solche Fremdwährungskredite waren bislang angesichts niedriger Franken-Zinsen und stabiler Wechselkurse vor allem bei Immobilienkäufern eine beliebte Option. Für viele wird der Kapitaldienst nun schlagartig teurer. Gleichzeitig dürfte es Unternehmen aus Deutschland und der Eurozone leichter fallen, in die Schweiz zu exportieren. Zu den Gewinnern zählen auch Einzelhändler und Möbelhäuser in der Bodenseeregion. Mit der höheren Kaufkraft des Franken werden an den Wochenenden wieder Einkaufskarawanen aus unserem Nachbarland über die Grenze rollen. Auch deutsche Grenzgänger dürften sich über die faktische Lohnerhöhung freuen.




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