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18.07.2012 - „Von der Belehrungsanstalt zur Lernwerkstatt“

Er hinterlässt eine Baustelle, dennoch geht er mit gutem Gewissen in den Ruhestand: Bernhard Reutemann, Rektor der Graf-Soden-Realschule. Im Gespräch mit SZ-Redakteur Gunnar M. Flotow zieht der 64- jährige Lehrer eine persönliche Bilanz – und er verrät, warum man als Rektor auch mal U-Boot spielen sollte.

SZ: Herr Reutemann, mit der Erfahrung von 37 Jahren Lehrertätigkeit – können Sie den Beruf noch empfehlen?
Reutemann: Uneingeschränkt ja. Voraussetzung ist allerdings, dass man aus Überzeugung mit Kindern arbeitet. Wer Lehrer wird, weil er Mathematik oder Chemie liebt, der liegt falsch, er muss mit Kindern arbeiten wollen. Für mich war Lehrer immer der Wunschberuf, nicht der Traumberuf. Denn bevor ich Lehrer wurde, habe ich andere Berufe gehabt. Weil ich immer realistisch an die Sache herangegangen bin, habe ich auch eines nie erlebt: einen Praxisschock.

SZ: Wie haben sich die Schüler beziehungsweise der Umgang mit ihnen verändert in Ihrer Zeit als Lehrer – gerade an der Realschule?
Reutemann: Verändert haben sich vor allem die Sozialisationsbedingungen der Kinder. Das fängt an im familiären Bereich. Wir haben heute alles – von der Alleinerziehenden bis zur Patchwork-Familie. Wir haben berufliche Tätigkeit von beiden Elternteilen, wir haben Zu- und Wegzüge. Alles, was es früher an Stabilität im Leben gab, haben die Kinder heute nicht mehr. Die Kinderzimmer haben sich verändert. Ich habe einmal bei den Fünftklässlern gefragt, wer in seinem Zimmer einen Computer oder Fernseher hat. Ergebnis: 90 Prozent. Meist werden diese Medien unkontrolliert genutzt – und das verändert Kinder. Die Schule muss auf diese Veränderungen reagieren, sonst wird die Schule verändert. 1975, als ich angefangen habe, sind 50 Prozent der Kinder auf die Hauptschule gegangen, 20 Prozent ins Gymnasium. Heute gehen fast 50 Prozent aufs Gymnasium und immer weniger gehen auf die Hauptschule. Der Anteil der Realschule ist ungefähr gleich geblieben. Nur ist es so: Das vordere Drittel der Hauptschulen ist jetzt an der Realschule, das vordere Drittel der Realschule an den Gymnasien. Den Normschüler hat es nie gegeben, wird es nie geben, dennoch lässt sich eines feststellen: die Heterogenität in den Klassen hat zugenommen.

SZ: Allenthalben wird betont, wie wichtig Bildung ist. Gerade eben jedoch hat das Land beschlossen, 11 000 Lehrerstellen zu streichen. Wie ist es um die Bildung in Baden- Württemberg bestellt?
Reutemann: In ihren Sonntagsreden betonen Politiker – egal welcher Couleur – immer, wie wichtig die Bildung ist. Wenn’s dann aber um die konkrete Umsetzung, also auch ums Geld, geht, hört die Wichtigkeit meistens auf. Ich kann an dieser Stelle nur John F. Kennedy zitieren: „Das Teuerste ist, nicht in Bildung zu investieren.“ Mehr möchte ich zur Bildungspolitik gar nicht sagen.

SZ: Kommen wir vom großen Ganzen zur Graf-Soden-Realschule. Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf die vergangenen elf Jahre zurück?
Reutemann: Das waren sicher die intensivsten und spannendsten Jahre meines beruflichen Lebens. Die Begegnungen mit Schülern, Eltern, Kollegen oder auch Amtsträgern waren sehr prägend und bereichernd. Wenn ich Bilanz ziehe, was ich alles erreicht habe und was nicht, stelle ich eines fest: Bleiben wird vor allem eine Baustelle. Gerne hätte ich noch die Eröffnung unseres Neubaus mitgenommen. Die anderen Baustellen, nämlich die inhaltlichen, sind zum Teil abgearbeitet. Vom ersten Tag an war mein wichtigstes Anliegen, den Unterricht zu verändern – weg von der Belehrungsanstalt, hin zur Lernwerkstatt. Mein Konrektor Helmut Goller hat damals zu mir gesagt, dass ich einen langen Atem bräuchte, wenn ich das schaffen will. Ich habe einen langen Atem, doch die Zeit war zu kurz. Vieles ist erreicht, vieles angestoßen worden – manches wartet noch auf die Vollendung.

SZ: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, was sich verändert hat?
Reutemann: Zum Großteil wird heute mit offenen Türen unterrichtet. Stolz bin ich auch auf das Schulprofil, dass wir zusammen mit Eltern und Schülern entwickelt haben. Mein Anliegen war es, hier keine Strohfeuer zu entfachen, sondern nachhaltig zu wirken. Stichwort Öko-Audit-Schule: Der Umweltgedanke ist bei uns integraler Bestandteil des Unterrichts – und zwar von Klasse fünf bis Klasse zehn. Oder wenn Sie sich unser soziales Engagement anschauen: Wir waren die erste Realschule, die vor zehn Jahren ein verpflichtendes Sozialpraktikum eingeführt hat. Wir haben Schülerstreitschlichter, Nachhilfegruppen und Hausaufgabenbetreuung – das sind alles große Erfolge.

SZ: Welches war denn in den vergangenen elf Jahren Ihr schönstes Erlebnis?
Reutemann: Es gab viele schöne Erlebnisse. Aber wenn ich jetzt eines herausgreifen müsste, würde ich sagen, dass es der erste Tag war, an dem ich hier aufgetaucht bin. Wegen der Herzlichkeit und Offenheit, mit der ich aufgenommen wurde. Von einem unwahrscheinlich innovativen Kollegium, das den Weg die letzten elf Jahre mitgegangen ist. Ich bin überzeugt, dass mit meiner Verabschiedung noch ein weiteres – sehr nachhaltiges – Erlebnis dazukommt.

SZ: Gibt es auch ein Erlebnis, auf das Sie mit eher gemischten Gefühlen zurückblicken?
Reutemann: Am belastendsten für einen Schulleiter ist, wenn er kraft Amtes den Bluthund spielen muss. Wenn er den bösen Buben oder das böse Mädchen ins Rektorat zitieren und eine Standpauke halten muss – das sind die weniger erfreulichen Momente.

SZ: Werden Sie denn im Ruhestand der Graf-Soden-Realschule in irgendeiner Art und Weise erhalten bleiben, vielleicht in einer beratenden Funktion?
Reutemann: Die Übergabe wird sicherlich so geordnet ablaufen, dass nicht viele Fragen offen bleiben beziehungsweise Ratschläge nötig sein werden – zumal bei den Ratschlägen die Betonung meistens auf Schlägen liegt. Ich denke, meine Nachfolgerin braucht einfach Freiräume. Aber selbstverständlich werde ich bei allen Festen anwesend sein.

SZ: Wie werden Sie Ihren Ruhestand ausfüllen?
Reutemann: Als Erstes werde ich es genießen, mein Interesse an der Geschichte etwas zu vertiefen. Ich werde die Zeit für Erkundungen nutzen – und das auch mal außerhalb der Ferienzeit. Viele Reisen, die bisher nur im Kopf stattgefunden haben, werde ich jetzt in die Tat umsetzen.

SZ: Ratschläge wollen Sie ja keine erteilen. Gibt es dennoch etwas, was Sie Ihrer Nachfolgerin Iris Engelmann mit auf dem Weg geben wollen?
Reutemann: Wenn man etwas an der Schule gestalten will, ist das A und O das Kollegium. Das muss man hegen und pflegen – aber das weiß Frau Engelmann schon. Einen Tipp habe ich vielleicht noch: Als Schulleiter sollte man auch einfach mal U-Boot spielen. Abtauchen und nicht erreichbar sein. Erstens regelt sich manches von selbst, zweitens hat man dann auch mal Ruhe, über bestimmte Dinge nachzudenken. Es ist nun mal so: Jeder, der zu mir kommt, hat das wichtigste Anliegen der Welt. Ich muss dann sortieren, welches für mich das wichtigste ist und nacheinander abarbeiten. Dafür braucht man Ruhe und Gelassenheit.


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