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09.11.2015 - Die deutschen Sparer denken um

Anleger freunden sich mit Aktien an – Tipps zum Weltspartag

Von Anke Leuschke - MÜNCHEN - Die Deutschen gelten als Sparweltmeister. Im Vergleich zu ihren europäischen Mitstreitern legen sie am meisten zur Seite. Trotz aller Anstrengungen legte das Brutto- Vermögen deutscher Haushalte 2014 mit nur 4,2 Prozent vergleichsweise gering zu. Das ist ein zentrales Ergebnis des Global Wealth Reports 2015 der Allianz. Die Ursache: Nur wenige haben in Aktien oder Aktienfonds investiert. Zumindest aber können sich nach Angaben der Sparkasse inzwischen 59 Prozent der Sparer vorstellen, sich mit Wertpapieren auseinanderzusetzen.

Viele deutsche Anleger scheuen wegen möglicher Kursverluste vor Aktien zurück. Dabei entscheidet der Anlagezeitraum über Erfolg und Misserfolg. Schwankende Kurse spielen insbesondere bei einer langfristigen Anlagedauer keine Rolle mehr. "Der deutsche Aktienmarkt erzielte bei einem Anlagezeitraum von 30 Jahren kaufkraftbereinigt durchschnittlich rund sechs Prozent Rendite jährlich", so Jürgen Steinhauser, Geschäftsbereichsleiter der Bayerische Vermögen AG in Kempten. Zum Vergleich: Mit deutschen Rentenpapieren sei im Schnitt nur 1,8 Prozent pro Jahr drin gewesen.

Oft liegen bei schlechten Börsenphasen alle Produkte gleichzeitig in den roten Zahlen. Das passiert, wenn die Geldanleger auf die gleichen Regionen oder Anlageklassen setzen. "Am besten streut man das Vermögen über verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Edelmetalle oder Immobilien", erläutert Vermögensverwalter Philipp Müller. Dann kann im Idealfall eine Anlageklasse durch ihren Kursgewinn den Verlust einer anderen ausgleichen. Wer sich nicht zutraut, den richtigen Mix selbst zusammenzustellen, kann das einem Fondsmanager überlassen.

Bei fallenden Kursen verlieren Anleger viel zu schnell die Nerven. Bei der Geldanlage braucht man Durchhaltevermögen. Der amerikanische Psychologe David Neal fand heraus, dass antrainierte positive Gewohnheiten automatisch in Phasen angewandt werden, in denen unsere Willenskraft erschöpft ist. Wer regelmäßig über einen längeren Zeitraum spart, den werfen auch vorübergehende Schwächephasen an der Börse nicht so schnell aus der Bahn. Jürgen Steinhauser rät, sich von täglichen Börsenberichten und Modethemen fernzuhalten. Das schüre nur Panik. Ein Depot zum Vermögensaufbau mit dem Ziel Altersvorsorge sollte neben Anleihen, Aktien, Immobilien und Rohstoffen immer auch einen Bargeld-Anteil beinhalten, um bei unvorhersehbaren Ereignissen flexibel zu bleiben.


– Nachgefragt –
"Der Anleger muss sich wohlfühlen"


RAVENSBURG - Die Deutschen sparen unverdrossen. Sie könnten aber wagemutiger werden, sagt Franz Schmid, Vorstandsvorsitzender der Bezirksvereinigung der Volks- und Raiffeisenbanken Ravensburg-Bodensee-Sigmaringen im Interview mit Steffen Range.

Ist die Sparkultur in Deutschland verloren?
Keineswegs, die Deutschen haben trotz Nullzinsniveau die letzten Jahre an ihrer Sparquote festgehalten. Es ist ja auch Teil unseres ökonomischen Erfolgs und somit unserer ökonomischen Kultur, sich Dinge erst zu leisten, wenn man das Geld dazu angespart hat. Eine Amerikanisierung in Sachen Geld, sich also Dinge bereits jetzt zu kaufen, obwohl man sich diese nicht leisten kann, kann keineswegs festgestellt werden. Was mir eher etwas Sorge macht, ist, dass laut Untersuchung der Deutschen Bundesbank rund 15 Prozent der Deutschen weniger Geld oder kein Geld zur Seite legen, was weniger auf das Zinsniveau zurückzuführen ist, sondern mehr auf das verfügbare Einkommen.

Studien sagen Altersarmut voraus. Teilen Sie die Einschätzung?
Es ist immer schwierig, die Sachverhalte auf 20 oder 30 Jahre zu prognostizieren. Denn auch der Nullzins wird keine 20 oder 30 Jahre andauern. Die Rente ist viel stärker von der Demographie beeinflusst als von den derzeit niedrigen Zinsen. Der steigende Anteil der älteren Bevölkerung, zunehmende Lebenserwartung und die langfristige Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft sind da die eigentlichen Herausforderungen. Niemand kann aber auf diese Zeiträume seriöse Prognosen abgeben.

Wie müssen moderne Sparer ihr Verhalten ändern?
Insgesamt haben wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine sehr sicherheitsorientierte Sparkultur, mit der sich der deutsche Sparer von seiner Mentalität her auch immer wohl gefühlt hat. Übrigens ein wesentlicher Punkt bei der Geldanlage: Der Anleger muss sich mit seiner Vermögensanlage wohl fühlen. In der jetzigen Zinsphase schadet für den aufgeschlossenen Sparer etwas mehr Mut sicherlich nicht. So lassen sich mit der Beimischung von Wertpapieranlagen notwendige Mehrrenditen erwirtschaften. Clevere Sparer koppeln dies mit Anlagen, bei denen das Risiko nach unten abgefedert bzw. begrenzt ist, insbesonders für den Fall, dass z.B. EZB-Chef Mario Draghi vom geldpolitischen Gaspedal runtergeht.


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